Wirkung von Cortison (Allgemeines)

W.W. @, Sonntag, 26. November 2017, 17:24 (vor 17 Tagen) @ Bluna

Ich hoffe, das hilft Ihnen ein wenig:

Die Cortisonwirkung kann zauberhaft sein.
Bei Marion T. hat die MS vor zwei Jahren mit einer Schwäche in den Beinen begonnen, die sich jedoch wieder völlig zurückgebildet hatte. Wie früher joggt sie zweimal in der Woche und hat sogar spaßeshalber am Berlin-Marathon teilgenommen. Wenige Tage später erwacht sie morgens mit einer äußerst unangenehmen Pelzigkeit im linken Oberschenkel.

Sie erinnert sich noch gut an die rasch zunehmende Gangstörung vor zwei Jahren, die sie innerhalb weniger Tage ans Bett fesselte, und die unerträgliche Angst, sie werde nie wieder laufen können. Aber bereits unter der ersten Infusion mit Cortison hatten sich ihre Lebensgeister wie durch ein Wunder erholt, und schon am nächsten Tag war sie in der Lage gewesen, einige Schritte zu gehen. Was wäre also naheliegender, als es jetzt genauso zu machen und zwar so schnell wie möglich? Schließlich würde man ja auch bei einer Lungenentzündung nicht wertvolle Zeit mit Abwarten vergeuden, sondern gleich mit der Antibiotikumbehandlung beginnen.

Tatsächlich ist der Cortison-Effekt oft verblüffend. „Die Symptome schmelzen weg wie der Schnee in der Sonne“, sagen manche Patienten. Hinzu kommt, dass Cortison auf viele Menschen euphorisierend wirkt, das heißt, sie fühlen sich heiter und aktiv, als ob sie Bäume ausreißen könnten. Wer so etwas einmal erlebt hat, hat kein Verständnis für Ärzte, die den Cortisoneffekt bestreiten.

Occludin und die Schrankenstörung
Die Cortisonwirkung wird oft so begründet: Cortison fördert die Ausschüttung von einem Protein namens Occludin. Was ist darüber bekannt? Die Blut-Hirn-Schranke (BHS) wird hauptsächlich vom Endothel – der innersten Zellschicht der kleinsten Hirngefäße – gebildet und stellt die Barriere zwischen dem Blut- und dem Liquorraum dar. Eine Schrankenstörung liegt dann vor, wenn Stoffe, die normalerweise nicht schrankengängig sind, in den Liquorraum eindringen können.

Die Zwischenräume zwischen den Zellen des Endothels werden von sogenannten Tight Junctions abgedichtet, das sind schmale Bänder aus Proteinen, die die Zellen des Endothels miteinander verbinden und dadurch dessen Durchlässigkeit regulieren. Dies geschieht durch das Occludin, das von den Endothelzellen gebildet wird und dessen Ausschüttung durch Cortison stimuliert wird. Dadurch wird die BHS dichter. Dies ist auch der Grund dafür, dass es keinen Sinn macht, erst Cortison zu geben und dann ein NMR durchzuführen, weil dann die BHS zu ist, das Kontrastmittel nicht mehr durchlässt und ein frischer Herd nur noch schlecht nachweisbar ist.

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Was spricht gegen Cortison?
Ich komme zu den Bedenken, die aus meiner Sicht gegen Cortison sprechen.

Warum ich Cortison für einen Scharlatan halte.
Als junger Arzt hatte ich einen Alkoholiker mit einer fortgeschrittenen Leberzirrhose betreut. Sein Bauch war von einem riesigen Aszites (Wassersucht) aufgetrieben, und seine Haut und die Bindehäute seiner Augen waren gelb wie eine Zitrone. Es war uns allen klar, er hatte nicht mehr lange zu leben. Nun ergab sich aber, dass er seinen 50. Geburtstag in der Klinik verbringen würde. Drei Tage vorher ordnete mein Oberarzt Cortisoninfusionen an, und es geschah ein Wunder. Der Ikterus (Gelbsucht) bildete sich so rasch zurück, dass er bei der bescheidenen Geburtstagsfeier mit seiner Frau und seinen Kindern eine fast normale Gesichtsfarbe hatte. Wenige Tage später starb er und war so gelb, wie er vorher gewesen war. Ich hatte zum ersten Mal den „Weißmacher-Effekt“ von Cortison kennengelernt: Es kann vorübergehend einen schweren Ikterus zum Verschwinden bringen und damit eine Besserung vortäuschen. Einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf hat es nicht.

Cortison und Hirntumor
Ein weiteres unvergessenes Erlebnis: Bösartige Hirntumoren sind ein besonders trauriges Kapitel in der Neurologie. Es ist bisher niemals gelungen, einen bösartigen Hirntumor so vollständig zu operieren und nachzubestrahlen, dass er nicht wieder gewachsen wäre. Auch der Tumor wird von unserem Immunsystem als Fremdkörper empfunden, und es kommt um ihn herum zu einer Gewebsschwellung wie beim Hirninfarkt bzw. MS-Herd. Dadurch erscheint der Tumor oft doppelt so groß, wie er in Wirklichkeit ist. Auch hier wirkt Cortison scheinbar Wunder. Innerhalb von wenigen Tagen kommt es zu einer beeindruckenden Besserung des Zustandes des Patienten, weil der Hirndruck nachlässt. Und auch hier hält das Wunder nur für kurze Zeit an, denn das Tumorwachstum selbst wird durch das Cortison nicht gehemmt. Vielleicht lässt sich der Tod durch die Cortisonbehandlung um einige Wochen verschieben, aber es ist immer nur eine Verlängerung des Sterbens, und manchmal ist es schrecklich anzusehen, wenn das Gesicht und der Körper der Sterbenden durch Cortison anschwellen und durch Akne entstellt werden. Cortison bleibt also ein zwielichtiger Held. Ich verweise auf den tragischen Tod meines Lieblingsautors Wolfgang Herrndorf, der „Tschick“ geschrieben hat und 2013 starb.

Der Doping-Effekt
Beides sind meine sehr persönlichen Erfahrungen als Arzt. Das andere ist der euphorisierende Effekt, auf den ich ja schon hingewiesen habe. Dieser kann zur ‚zauberhaften’ Cortisonwirkung erheblich beitragen. Cortison wird übrigens auch zum Doping eingesetzt, z.B. bei Bergsteigern, die auf den Mount Everest wollen, weil es das Hirnödem verhindert, das sich in großen Höhen entwickelt. Allerdings kann das auch dazu führen, dass man seine gefährliche Lage zu spät erkennt, und nicht selten wird ein angenehmes Maß der Euphorie überschritten, und es kommt zu einer getriebenen Unruhe mit Gedankenjagen, Gereiztheit und quälenden Schlafstörungen. Sogar echte Manien mit einem unbändigen Rededrang, Kaufrausch und Größenphantasien kommen vor. Eine meiner Patientinnen meinte in einem solchen Zustand, sie sei unverletzlich, balancierte im zweiten Stock auf der Brüstung eines Balkons, stürzte in die Tiefe und brach sich beide Oberschenkel und das linke Handgelenk.
Auch das Gegenteil (Depressionen) kommen vor. Weitere Gefahren durch die Behandlung sind vor allem der Anstieg des Blutzuckers, ein Heißhunger, ein unangenehmer metallischer Geschmack im Mund, Magengeschwüre, Thrombosen und Hüftkopfnekrosen. Die schwerwiegendste Nebenwirkung ist jedoch die Cortison-Osteoporose, eine ausgeprägte Knochenentkalkung, die nach einer zu hohen, zu häufigen oder zu langen Anwendung auftritt. Was zu häufig, zu hoch oder zu lang ist, dazu fehlen nähere Angaben.

Cortison ist ein Stresshormon.
In erster Linie ist Cortison zusammen mit Adrenalin und Noradrenalin ein Stresshormon, und es erhöht die Neigung zu Krämpfen, den Blutdruck und den Blutzucker - und es steigert den Appetit! Gleichzeitig unterdrückt es die Wundheilung und die Immunabwehr, was wohl eher ein Nebeneffekt sein dürfte und dabei hilft, die Verteidigungskräfte zu bündeln. Aus diesem Grund gilt es in der Chirurgie als ein schwerer Kunstfehler, wenn man eine Wunde mit Cortisonsalbe behandelt oder einem frisch Operierten Cortison verabreicht.

Bessere oder nur schnellere Abheilung?
Aber wie kann das sein, wenn doch manche berichten, dass sich ihre Symptome verbessern? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns auf das besinnen, was wir schon über die MS wissen. Der MS-Herd ist im frischen Stadium von einer wässerigen Schwellung umgeben. Man spricht auch von einem Umgebungsödem. Dieses lässt ihn zehn- oder gar zwanzigmal größer erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Cortison wirkt nun wie ein Schwamm oder Löschpapier. Es saugt das Wasser aus dem geschwollenen Gewebe, und es kommt zur raschen Linderung der Beschwerden, weil der Druck auf die Nerven, die das Entzündungsgebiet durchqueren, nachlässt.
Aber wie ich bereits gesagt habe, ist das Wunder nur scheinbar, weil die Besserung nach ein paar Tagen auch ohne Cortison eingetreten wäre. Es besteht also absolut kein Zweifel daran, dass durch Cortison die Rückbildung der Symptome beschleunigt wird, aber es ist durchaus nicht sicher, ob dadurch auch der Heilungsprozess selbst günstig beeinflusst wird.
Letztendlich dreht sich alles um die Frage, wie man das Umgebungsödem auffasst: Schießt es über das Ziel hinaus, muss es so früh wie möglich gebremst werden. Handelt es sich jedoch um eine vernünftige Reaktion des Körpers, dann besteht, wenn man es vorzeitig zum Abklingen bringt, die Gefahr, dass es zu einer zu schnellen und unvollständigen Narbenbildung kommt und damit die Entstehung von chronisch aktiven Herden gefördert wird.

Ist das Umgebungsödem schädlich oder nicht?
Das ist die Gretchenfrage und zwei Meinungen stehen einander unversöhnlich gegenüber: Die einen vergleichen das entzündliche Geschehen in einem MS-Schub mit einem Brand, den man so rasch wie möglich bekämpfen müsse, die anderen sagen: Was bei vielen Krankheiten gilt, dass sie besser ausheilen, je früher man sie behandelt, gilt für die Cortisontherapie der MS nicht, denn Cortison mäßigt zwar die Entzündung, unterdrückt aber im Grunde nur die Selbstheilungskräfte. Gibt es so etwas? Ich bin davon überzeugt. Jedenfalls bedarf es guter Gründe, um in einen natürlichen Prozess einzugreifen.

Kann Cortison den Übergang in eine SPMS begünstigen?
Mein Gefühl ist also, dass MS-Herde ohne Cortison besser abheilen. Belegen kann ich das nicht. Einen Hinweis gibt eine Arbeit von Ricarda Diem, die Anfang 2005 im Journal of Neuroscience erschien. Ihre Arbeitsgruppe hatte eine Sonderform von experimenteller Sehnerventzündung bei Ratten erzeugt, bei der es nicht nur zu Markscheidenschäden, sondern auch zu nachweisbaren Nervenfaserverlusten kam. Dieses Modell bot sich an, um zu testen, wie sich Cortison auf die Erhaltung der Nervenfasern auswirkt. Überraschenderweise zeigte sich, dass die Tiere, die mit Methylprednisolon behandelt worden waren, einen signifikant höheren Nervenzellverlust aufwiesen als die mit Kochsalz behandelten Kontrollen.


W.W.


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