Die Überlastungs-Hypothese der MS (Allgemeines)

W.W. @, Montag, 28. August 2017, 15:35 (vor 178 Tagen)

Was ich über die MS denke, ist im Grunde genommen dies, und ich möchte es noch einmal zur Diskussion stellen:

Ich glaube, die MS ist keine Krankheit im üblichen Sinn, weil sie in der Mitte steht zwischen körperlichen und seelischen Krankheiten steht. Kurz gesagt: Ich halte die MS für eine herdförmige Schädigung, die durch Überlastung in bestimmten Hirnregionen entsteht.

Wie ich darauf komme, muss ich erklären. Als ich ein junger Arzt war, habe ich noch ganz anders gedacht, aber mit den Jahrzehnten hat sich meine Sichtweise verändert. Ausgangspunkt war, dass ich lange angenommen hatte, die MS-Herde seien zufällig über das Gehirn und das Rückenmark verteilt. Aber mit der Zeit kamen mir Zweifel, denn die Sehnerven waren doch ganz offensichtlich eine Vorzugslokalisation der MS, und ganz ähnlich schien es mir mit dem Halsmark zu sein, wo praktisch wie durch ein Nadelöhr die Informationen von oben nach unten und umgekehrt laufen. Und auch in der periventrikulären Region ist es nicht anders, obwohl sie ‚stumm’ zu sein scheint. Aber das ist sie natürlich nicht. Es besteht ein reger Verkehr von kreuzenden Informationen um den Hirnbalken herum. Ich könnte mir sogar vorstellen, das sie hier der aktivste Hirnbereich befindet.

Inwiefern unterscheiden sie sich also von anderen, weniger betroffenen Hirnregionen? Ich weiß nicht mehr genau, wann es war, aber plötzlich war es für mich sonnenklar, dass, es floss zu viel Strom durch sie, sie waren besonders beansprucht, kurz: Sie waren überstrapaziert.

Damit begannen meine Überlegungen. Das nächste war die perivenöse Lage der Herde, d.h. die Tatsache, dass sich im Zentrum jeden Herdes eine Vene befindet. Anfänglich dachte ich, das müsse etwas mit den besonderen Verhältnissen in den Venen zu tun haben, dass hier also das Blut langsamer fließt und deshalb Schadstoffe Zeit genug haben durch die Venenwände hindurch ins Gehirngewebe einzudringen – wie ein Tintenklecks auf Löschpapier.

Die „Tintenklecks-Hypothese“ geht davon aus, dass eine giftige Substanz über die Venen in das Gehirn eindringt und sich wie ein Tintenklecks auf Löschpaper im Gewebe ausbreitet Hierbei könnte es sich aber auch um aggressive Lymphozyten handeln, die wegen des langsamen Blutstroms an der Venenwand andocken und sie durchwandern können. Die „Hypothese der toxischen Konzentrationen“ nimmt umgekehrt an, dass alle Stoffwechselabbauprodukte, die in „überhitzten“ Hirnregionen entstehen, zu den Venen bzw. Hirnkammern hin drainiert werden, so dass in deren engster Umgebung ausreichend hohe Konzentrationen erreicht werden, um Oligodendrozyten zu schädigen.

Ich glaube, dass es genau umgekehrt ist! Wenn meine erste Annahme von der Überlastung zutreffend wäre, könnten ja in den ‚überhitzten’ Hirnregionen Stoffwechselabbauprodukte entstehen, die möglichst schnell abtransportiert und entgiftet werden müssten. Das natürlicher Abwassersytem des Gehirns des Gehirns sind ja nun einmal die Venen, es wäre also denkbar, dass sie unter bestimmten Umständen überlastet werden könnten – wie ein Abwasserkanal, der nach einem Wolkenbruch überlastet werden kann.
Dann würde sich um die Venen herum ein Rückstau bilden, in denen die Konzentrationen von Abbauprodukten, dass sie auf das Gewebe toxisch wirken und eine Entzündung vortäuschen könnten.

Erst jetzt erfahre ich von der Existent eines „glymphatischen Systems“. Zunächst dachte ich, es müsse sich um einen Schreibfehler handeln, aber es gibt dieses glymphatische System wirklich, und im November 2016 erschien sogar ein Artikel darüber in SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT. Dieser deckt sich in etwa mit dem, was ich bisher mit dem Virchow-Robin-Raum (ein mit Liquor ausgefüllter perivaskulärer Spaltraum um die Blutgefäße des zentralen Nervensystems herum) verbunden hatte.

Die Hirnarterien scheinen von einem sehr engen Raum umgeben zu sein, der mit Liquor aus dem Subarachnoidalraum gefüllt ist. Bewegt wird die Flüssigkeit wohl durch die Pulsbewegungen der Arterien. An der Innenseite befinden sich also die Arterienwände, an der Außenseite breite Astrozyten-Fortsätze, die Liquor aufnehmen und in die Zwischenzellspalten des Gehirns weiterleiten.

Dabei scheint es sich um ein ‚Bewässerungssystem’ zu handeln, wie wir es z.B. von Reisfeldern kennen: Das Hirngewebe wird von Liquor durchtränkt. Aber dieses Kanalsystem nimmt auch Abfallstoffe auf, die während der Hirntätigkeit anfallen, und diese werden zu den venösen Geflechten weitertransportiert, von wo aus die Schadstoffe entsorgt werden. SPEKTRUM spricht von der ‚Müllabfuhr im Gehirn’. Täglich sollen etwa 7 Gramm verbrauchte Proteine ausgeschwemmt werden.

Der Name ‚glymphatisches System’ wurde von einer Forschergruppe um Maiken Nedergaard 2013 eingeführt, die von der Frage angetrieben wurde, ob sich die typischen kognitiven Störungen bei neurodegenerativen Erkrankungen wie dem Alzheimer- oder Parkinsonsyndrom auf Fehlfunktionen dieses Systems zurückführen lassen. Denn wenn die Entsorgung stockt, dann müssten sich Proteinabfälle in Gehirnzellen oder in den Räumen zwischen ihnen anhäufen.
Auf die MS bezogen, ist meine Vermutung, dass die anfallenden Stoffwechselabbauprodukte abtransportiert und entsorgt werden müssen, und dass es um Venen herum zu einem Rückstau kommen kann, wie bei einem verstopften Kanal, der dann das umliegende Gewebe schädigt - und einen MS-Herd entstehen lässt.

Daraus ergab sich noch ein dritter Punkt. In der MS-Forschung dominiert die Ansicht, die MS sei eine Erkrankung, bei der überaktive Lymphozyten das eigene Hirngewebe angreifen würden. Diese Vermutung beruht im Wesentlichen darauf, dass man in MS-Herden häufig Lymphozytenansammlungen beobachtet hat. Der naheliegende Schluss lautete, es müsse sich um eine chronische Entzündung handeln. Aber dann erschien die bemerkenswerte Arbeit von Barnett und Prineas, auf die ich ja bereits mehrfach hingewiesen habe. Sie legt den Verdacht nahe legt, dass die Lymphozyten nicht primär die Schädigungen im MS-Herd bedingen, sondern eher sekundär einwandern, um zerfallendes Hirngewebe abzutransportieren.
Das ist in Kürze meine Theorie zur Ursache der MS, und ich gebe ohne Umschweife zu, dass es sich um eine Ad-hoc-Hypothese handelt, also eine Hypothese, die man sich im Nachhinein ausdenkt, um etwas zu erklären. Sie krankt also daran, dass ich mir im Nachhinein alles so zusammengesucht habe, dass es am besten zu meiner vorgefassten Meinung passt. Das ist kein besonders überzeugendes Vorgehen, aber ist es nicht ganz allgemein so, dass fast alle Theorien zu Beginn Ad-hoc-Hypothesen waren, die sich solange der Diskussion und Experimenten stellten, bis sie gut genug waren, um als Theorie anerkannt zu werden?

W.W.

PS: Ich fürchte übrigens immer noch, dass die ganz logisch denkenden Menschen die Ursache der MS nicht finden werden, weil sie ihrer Logik nicht entspricht. Die 'Intuitiven' haben also noch eine gute Chance!


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